Chris Reinecke

Jörg Immendorff und ich wussten, dass wir nicht in Galerien ausstellen wollten. Deshalb haben wir etwas Eigenes auf die Beine gestellt. Wir haben einen Tanzsaal gemietet 1966. Es waren Räume für die Öffentlichkeit. Dort haben wir unsere Lidl-Aktionen gemacht. Wir waren immer beschäftigt mit der Politik.

Chris Reinecke, 1936 in Potsdam mit dem Vornamen Christliebe geboren, wechselte 1951 auf ein Mädchengymnasium in Düsseldorf. Die Stimmung war depressiv im katholischen Rheinland. Als sie nach dem Abitur nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte, entschloss sie sich, als Au Pair nach Paris zu gehen. Dort erlebte sie eine harte Zeit: Die Algerienkrise legte das Land lahm und versetzte die Hauptstadt in einen Ausnahmezustand, in ihrer Au Pair Familie wütete der Vater in alter militärischer Art und verprügelte abends die Kinder. Etwas später bewarb sie sich in Paris an der École de Beaux Arts und wurde prompt genommen. Aktmalerei oder Stillleben – mehr hatte die Akademie nicht im Angebot. Wieder in Düsseldorf studierte sie ab 1961 Freie Kunst an der Akademie in Düsseldorf. Ihr Professor, der Informel-Maler Gerhard Hoehme, trug damals noch Fliegerweste. Chris Reinecke war die einzige Frau in der Klasse. Ihre Kommilitonen waren Sigmar Polke, Gerhard Richter und Franz Erhard Walther.

1964 lernte sie den neun Jahre jüngeren Jörg Immendorff kennen, den sie kurze Zeit später heiratete. Gemeinsam gründeten sie 1968 die Lidl-Akademie und führten radikale Aktionen durch. Dazu gehörten auch Demonstrationen gegen Mietwucher, der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit und ein spektakuläres Happening auf der Pressekonferenz der documenta 4 in Kassel, bei der Chris Reinecke den damaligen Leiter Arnold Bode küsste.